Das Gespräch mit Tom Holert führte
Marion von Marion von Osten.
ATELIER EUROPA TEAM } Du arbeitest
an einem längerfristigen Projekt, in dem du den Begriff
und den Gebrauch von „Glamour“ theoretisch
neu zu orten suchst. In einem Artikel einer „Glamour“ Ausgabe
der Zeitschrift SPEX von 1998 interessierte dich bereits,
welche Funktion Glamour für die Politikinszenierung
der rot-grünen Regierung in Deutschland hatte und
in einem Gespräch hast du den Begriff der „Glamourisierung
der Arbeitswelt“, als ein weiteres Feld der Auseinandersetzung
benannt. Für mich sind beide Aspekte interessant,
da ich annehme, dass man die ästhetische Glanz-Inszenierung
der Politik von deren arbeitsmarktpolitischem Programm
nicht trennen kann, da beide Konzepte einem neuen „Common
Sense“ der Sozialdemokratie entsprechen sollen.
TOM
HOLERT: Ich bin mir über die Verbindung der
beiden von dir angesprochenen Glamour-Ebenen nicht so sicher.
Das Glamourversprechen und die Glamourambitionen der rot-grünen
Regierung waren Reaktionen auf die komplett de-glamourisierte
Zone der Kohl-Jahre. Die Erleichterung war ja tatsächlich
groß nach der gewonnenen Wahl 1998, selbst bei den
Skeptikern. Und trotzdem war nicht nur die Vergeblichkeit,
sondern auch die latente Brisanz dieser Glamour-Ansprüche
unmittelbar spürbar. Sie harmonierten einfach zu gut
mit den Normalisierungsprozessen seit 1989, einem immer
offeneren nationalistischen Diskurs, der sich aber jetzt
nicht nur mit einer veritablen Hauptstadtkulisse und dem „Aufbau
Ost“ schmücken konnte, sondern auch mit Kultur,
mit Reminiszenzen an das Berlin der 1920er-Jahre oder mit
einem retro-modernistischen Future-Look in der Werbung
und im Design. Die neue „Berliner Republik“ suchte
den Glamour zudem, naheliegenderweise, in der Förderung
und Forderung einer nationalen Filmindustrie à la
Bernd Eichinger, so richtig mit eigenen Stars und Etats.
Die Popliteratur entstand, mit ihren zwischen Konsum-Kennerschaft
und Schnöseltum schwankenden Geschichten aus einem
von historischen Altlasten befreiten Deutschland. Seither
ist sichtbar geworden, wie unhaltbar diese Reformatierung
der politisch-kulturellen Sphäre von vorneherein war,
wie schnell sich das Ganze nicht nur als nicht-finanzierbar,
sondern auch als ästhetisch und professionell unterbelichtet
erweisen würde. Dennoch, diese Reformatierung hat
Folgen gehabt. Indem die Glamour-Ansprüche auf ein
Modell von Öffentlichkeit zielten, das von Ende-der-Geschichte-Rhetorik
(die durch Musealisierungen und Gedenkkultur nur noch befördert
wurde) und von post-kritischem Selbstbewusstsein erfüllt
ist, haben sie diese Öffentlichkeit verändert.
Von der Mutation der Feuilletons in pseudo-subkulturelle
Orte der Pop-Essayistik und Third-Culture-Propaganda bis
zur Geburt des Talkshow-Politikers, von der Reduktion der
1968er-Bewegungen auf wenige griffige (Bild)formeln bis
zur Machtübernahme Harald Schmidts in den Köpfen
der Intelligenzia – überall lassen sich die
Spuren jener Erosion der Selbstverständlichkeit eines
Dagegen-qua-Glamour finden, die prägend waren für
die lange Zeit der zumeist unglamourösen Bundesrepublik.
Jetzt aber zum zweiten Teil der Frage: Dass der neo-nationale
Glanz der Berliner Republik auf die Arbeitswelten der damals
gerade an- und abhebenden New Economy ausgestrahlt hätte,
lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich haben alle
irgendwie profitiert von der Bereitschaft, die Geschichte
in Glamour aufzulösen, wie übrigens auch die
kritischen und selbstkritischen Einwände gegen ein
allzu maßloses Wirtschaften: von den irrsinnig „glamourösen“ Krediten
für „Gründer“ bis zum endgültigen
Sieg des Prinzips unbezahlter Arbeit (Modell: Praktikum)
im Tausch gegen das Gefühl, an etwas teilzunehmen,
was vielleicht als eine glamouröse Gemeinschaftlichkeit
und Lebensform bezeichnet werden kann. Der Begriff „Glamour“ darf
hier allerdings nicht zu eng gefasst werden. Er ist ja
ohnehin kaum sinnvoll einzugrenzen. Aber man sollte schon
unterscheiden zwischen seinen verschiedenen Gebrauchsweisen
und Bedeutungen. Der „Glamour“, den sich so
viele von einer „deutschen“ Filmkultur oder
einem repräsentativeren Kanzlerdarsteller erhofften,
ist nicht identisch mit dem eingebildeten oder realen Glamour
(wobei „eingebildet“ und „real“ im
Glamour-Fall natürlich kaum zu trennen ist) einer
Szene von Unternehmen und UnternehmerInnen, die zwischen
Werbeagentur, Architekturbüro, Kulturwissenschaftsstudiengang,
Webdesign, Club, Kunstraum u.v.m. eine „Existenz“ in
- häufig paralleler - Tuchfühlung zu Subkultur
und Establishment aufzubauen versuchten. Die Atmosphäre
war sicher für einige Jahre geeignet, im Glanz des
Augenblicks von allen Zweifeln und politischen Regungen
Abschied zu nehmen. So konnte sich eine einseitige Interpretation
von Glamour, nämlich die mit Erfolg und Überlegenheit
assoziierte, durchsetzen, während die ambivalenteren,
schwierigeren, kaputten, subalternen und auch „kritischen“ Glamour-Verwendungen
zurückwichen. Glamour wurde in vielen Fällen
einfach deswegen behauptet und autosuggestiv gebraucht,
weil sich so ein ökonomisches und individuelles Elend
in einer Sozialästhetik aufheben ließ. Zumal
die Arbeit meistens den Umgang mit neuestem technischen
Gerät genauso wie diskursive Höhenflüge
beinhaltete. Die entstehenden Gemeinschaften wurden und
werden von Vorstellungen von Lebensweise und Lebensstil
zusammengehalten. Kollektivität erfährt sich über
einen bestimmten Umgangston, über modische Kodierung, über
die – und sei es lediglich kurzfristig geteilte -
Ausrichtung von Biografien. Wie bewusst auch immer, kommen
hier Dosierungen des Glamourösen ins Spiel; oder unwillkürliche
Glamourisierungen qua Lifestyle-Praxis und -Theorie. Modelle
und Vorbilder glamourösen Zusammenseins und Zusammenarbeitens
werden aktiviert: Fassbinders Familie, Warhols Factory,
Godards Bande-à-part und andere historische Glanz-Kollektivitäten.
Der Umstand, dass Lifestyle-Gemeinschaften auch Zielgruppendefinitionen
liefern und als Marketing-Tool dienen können, wird
dabei entweder ignoriert, in Kauf genommen oder bekämpft.
Was wiederum zu entscheidenden Differenzierungen und Verteilungen
führt.
} Über die hegemonial gewordenen
Bilder hinaus gab und gibt es auch den Glamour des „expressiven
Existenzminimums“ in Berlin, der illegalen Clubs,
der sich neu formierenden Szenen zwischen Kunst und Politik,
in denen ganz andere Bilder zirkulierten, die nicht nur
immer gleich zum Start-Up mutiert sind, sondern auch neue
Formen des Kulturproduzierens hervorgebracht haben, um
die es ja in unserem Projekt geht. Diese Kreise haben mit
verschiedensten öffentlichen Artikulationsformen der „Neuen
Mitte“ etwas entgegengesetzt. Wie schätzt du
nun deren Anteil an der Herstellung für die flexibilisierten
und mit dem Bild des Glamourösen ausgestatten Arbeitsverhältnisse
ein?
„Glamour des expressiven Existenzminimums“,
das gefällt mir. Ich bin mir darüber im Klaren,
dass die offizielle Berliner Republik/Mitte-Version von
Glamour nicht unbestritten geblieben ist und dass sich
nicht zuletzt an diesen Aneignungen einer immer auch mit
subkulturellen Geschichte(n) verbundenen Glanz-Historie
das Aufbegehren und der kritische Einsatz der viel intimeren
Kenntnisse und weiter reichenden Ahnungen einer (historischen)
Praxis des Gegenglamourösen entzündet hat. Die „neuen
Formen des Kulturproduzierens“, in denen sich diese
Praxis zeigt, in denen das Gegenglamouröse konstitutiv
ist, mögen dann auch eine Verführungskraft ausüben,
die zur Erneuerung und Attraktivierung von Arbeitsverhältnissen
führt. Die „Formen des Kulturproduzierens“,
von denen du schreibst, sind ja nicht zuletzt Formen unvorhergesehener
Kooperation und der Verwertung des Nicht-Verwertbaren,
also eine Wertschöpfung, mit der nicht „gerechnet“ wird,
eine Überschussproduktion, die sich der je herrschenden ökonomischen
Logik entzieht. Und Glamour hat viel zu tun mit solchen Überschüssen
und ihrer sozialen und ästhetischen Bearbeitung. Deshalb
kann das Existenzminimum auch „expressiv“ werden – Glamour
ist eine gegen das „Normale“ gerichtete Größe,
eine „anökonomische“ Kategorie, wie Derrida
sagen würde. Allerdings sollte man deren Zweischneidigkeit
nicht unterschätzen, die Nachbarschaften eines Glamours,
der zu einem Medium ungeahnter Kommunikationen und Begegnungen
in einem entregelten Sozialen werden kann, zu jener Sorte
Glamour, dessen A-Sozialität bald in Autorität,
Arroganz, Distanzierung umschlägt.
Was, wenn Glamour in seiner Ambivalenz gerade für
diejenigen zerstörerische Konsequenzen hat, die glauben,
sich seiner erfolgreich gegenhegemonial bemächtigt
zu haben? Wenn sich die abweisenden und autoritären
Momente des Glamourösen gegen seine transgressiven,
subversiven, deterritorialisierenden Seiten letztlich durchsetzen?
Wäre das nur ein Eingeständnis der Ohnmacht oder
das gewöhnliche Risiko im Umgang mit und beim Streben
nach Glamour?
Die Rekonstruktion der Geschichte des urbanen Glanzes,
dieser unterschätzten, von so viel Argwohn begleiteten ästhetischen
Kategorie des beginnenden 20. Jahrhunderts, führt
einen immer wieder zu Stellen, an denen die Protagonisten
und Beobachter (häufig in Personalunion) genug haben
von ihrer eigenen Faszination. Gegen Ende von „Das
kunstseidene Mädchen“ [1] von 1932, neben Kracauers
Feuilletons wohl „die“ Glanz-Reflexionen-Sammlung
der späten Weimarer Jahre, schreibt Irmgard Keun: „Der
Mann ist sehr elegant und hat schwarz geöltes Haar,
mit dem man nie glücklich werden kann, denn das glänzt
immer für andere.“ Aus der Identität von
Glanz und Glück, wie sie zuvor im Roman stellenweise
in Aussicht gestellt worden war, wurde hier ein Gegensatz.
Die letzten Sätze lauten: „Aber ich kann ja
dann auch eine Hulla werden – und wenn ich ein Glanz
werde, dann bin ich vielleicht noch schlechter als eine
Hulla, die ja gut war. Auf den Glanz kommt es nämlich
gar nicht so furchtbar an.“
} Ist deiner Meinung
nach dann die „Glamourisierung
der Arbeitswelt“ nur ein Ideologieprojekt, um prekäre
Beschäftigung zu verklären, also im Adornoschen
Sinne nur „Schein“? Oder was wäre in den
Arbeitsverhältnissen die Produktivität des Glamourösen
jenseits der Verklärung?
Verklärung ist sicher
im Spiel, wenn Konkurrenz, Mobbing, exzessive Nachtschichten,
Unterbezahlung, All-Inclusive-Leben-mit-den-KollegInnen
usw. damit abgegolten und legitimiert wird, dass es sich
bei all dem um eine Lifestyle-Frage handelt, um ein Selbstverwirklichungsprojekt
im mehr oder weniger großen Spiel der Wirtschaft
und der Kultur. Aber natürlich setzen die dabei entwickelten
Selbstbilder auch etwas frei, sie stiften ein Klima, das
zum Beispiel Kreativität, auch bei der Einrichtung
kollektiver Formen, begünstigt - ebenso wie Versagensängste,
Magersucht, Kokainabhängigkeit, Schlaflosigkeit, Beziehungsunfähigkeit
usw. Paradox ist ja, dass die für weite Kreise der „Kreativindustrie“ (weniger
der IT-Branche im weiteren Sinne) entscheidende Bildersprache
dieser Zeit, etwa seit Beginn der 1990er Jahre, das Gegenteil
von dem zelebrierte, was real in den neuen Start-Up-Unternehmen
gefordert war, nämlich die Arbeitslosigkeit, das Feiern,
das Rumhängen. Mit anderen Worten: Dass das Bild des
im üblichen Verständnis unproduktiven Menschen
(allein oder in größeren oder kleineren Gruppen),
der nur der Darstellung seiner selbst verpflichtet bzw.
auf diese Inszenierung von Körper, Aussehen und Geste „zurückgeworfen“ ist,
die im Hip-Imaginären installierte Fototapete war,
vor der sich die ganze Schufterei vollzog. Hier deutete
sich bereits an, dass die neuen Kompetenzen eigentlich
schon längst keinerlei „Ausbildung“ im
traditionellen Verständnis von Ausbildung (Lehre,
abgeschlossenes Studium usw.) mehr voraussetzen, weil die
kurzfristigen Beschäftigungen im Bereich kultureller
Dienstleistung ohne besondere Kenntnisse und Fähigkeiten
auskommen - dafür allerdings den vollen Körper-
und Persönlichkeitseinsatz der oder des Einzelnen
verlangen (ein Gedanke von Diedrich Diederichsen). Und
hier wird Glamour, u.a. als Technologie der Be- und Ausleuchtung
des Einzelnen (in buchstäblicher wie übertragener
Bedeutung), relevant. Der „Kult der Performanz“,
von dem der Psychologe Alain Ehrenberg [2]
in Bezug auf die Psycho-Ideologie der Gegenwart spricht,
läuft
auf eine Einübung in Glamour hinaus. Wie dieser „Post-Work-Glamour“ (oder
Working-Poor-Glamour) mit den historischen Formen des Glamourösen
zusammenhängt und wie er sich von den zahlreichen
gegenglamourösen Aneignungen und Transformationen
des historischen Glamour unterscheidet – diesen Fragen
gilt mein Interesse.
} Heißt das auch, mit
diesem Konzept verstehen zu können, warum wir selbst
als Kultur- und WissensproduzentInnen so arbeiten, wie
wir
arbeiten? Geht es auch darum zu verstehen,
woher der widerständig aufgeladene Fleiß und
die Überidentifikation mit den eigenen Gegenständen
des Interesses überhaupt kommen? Unsere Interviews
zeigen ja nun, dass gerade „Rumhängen“ etwas
ist, was niemand mehr tut. Es wird als Mangel beschrieben,
dass es keine Auszeiten mehr gibt und dass es ganz und
gar nicht glamourös ist, so zu leben, weil Sozialität
kaum noch herzustellen ist (auch nicht heteronormative),
wenn man keine Zeit vergeudet oder sich einfach dem Tagesverlauf
hingibt, ohne gleich schon wieder darüber nachzudenken,
wie man die Ideen, die man so gewinnt, in der nächsten
Arbeitsphase verwerten will. Gleichzeitig finde ich „Beziehungsunfähigkeit“ dennoch
einen schwierigen Begriff und deine Aufzählung der
negativen Auswirkungen der neuen Arbeitsverhältnisse
etwas zu kulturpessimistisch. Einerseits natürlich,
weil sie der Vorstellung gehorcht, es gäbe eine „normale“ Beziehungsfähigkeit
(die wäre dann am ehesten heterosexuell?). Andererseits
suggeriert das auch - überspitzt formuliert - die
Abwesenheit der Versagensangst am Fließband oder
die Macht der neuen Arbeitsverhältnisse, „altbewährte
Fähigkeiten“ aufzulösen. Könnten nicht
auch „Befähigungen“ zu veränderten
Beziehungs- und Arbeitsmodellen entstehen, die uns nicht
nur erdrücken, ausbeuten und erniedrigen?
Zugegeben,
meine Charakterisierung der flexibilisierten, an-bohemisierten
Arbeitswelten ist etwas einseitig. „Kulturpessimismus“ lasse
ich mir aber gefallen, obwohl ich für den Begriff
als Argument in diesen Auseinandersetzungen eigentlich
wenig übrig habe, denn was wäre der Gegenbegriff, „Kulturoptimismus“?
Gerade das Ästhetisieren der existenziellen Randlage
rechtfertigt, meiner Ansicht nach, auch so manche kulturpessimistische
Einschätzung. Pessimistisch, soll das heißen,
gegenüber jenem Begriff von „Kultur“,
der hier so oft argumentativ und legitimierend ins Spiel
gebracht wird und nicht selten die diskursive Funktion
hat, Politik und Ökonomie aus dem Spiel zu halten.
Mit Beziehungsunfähigkeit habe ich nicht unbedingt
die normative Zweierbeziehung gemeint, sondern eine Schwierigkeit
mit Beziehungen generell. Aber du könntest Recht haben,
dass die Veränderung der gesellschaftlichen Beziehungen
und der Arbeitsverhältnisse, so kritisch man sie unter
dem Gesichtspunkt der ideologischen Verschleierung von
Machtverhältnissen sehen mag, auch der Zerrspiegel
einer Entwicklung ist, die dieser Veränderung zunächst
voranging und nun parallel-divergierend verläuft:
Der Entdifferenzierung und Desidentifizierung in den sozialen
Beziehungen allgemein, der Öffnung eines Raums der Überschreitungen
und Verschränkungen, der als solcher eine glamouröse
Dimension haben kann (nicht nur in der „Paradise
Garage“ oder im „Ostgut“). Denn der Exzess,
das „Außer-Sich-Treten“, die Deregulierung
der Norm, so punktuell und flüchtig sie sein mögen,
können zu Ressourcen eines Glamour werden, der sich
gerade durch die weitestgehende Negation der Warenform
und ihrer Zurschaustellung in herrschenden Glamourpraktiken
auszeichnet. Georg Seeßlen hat einmal die Frage gestellt,
ob Glamour möglicherweise, historisch gesehen, das
Ergebnis der Trennung von (aristokratischer) Macht und
(ökonomischem) Reichtum sei. Vielleicht kann man sagen,
dass in den eben umschriebenen Situationen und Momenten
die Macht im Erkennen und Zurschaustellen der eigenen realen
Ohnmacht liegt – im Sinne einer Prachtentfaltung,
die auf nichts gründet außer einer intensiven,
vorübergehenden Empfindung von bodenloser Souveränität.
Vollkommen Recht gebe ich dir in dem Punkt, dass die Wunschbilder
eines glamourösen, arbeitslosen Rumhängens quer
stehen zu der Arbeitswut und Überidentifikation mit
Arbeit und „Projekt“ unter unseresgleichen.
Hier wird vielmehr ein Horizont des Unmöglichen gezeichnet,
der daran erinnert, dass das eigentlich Glamouröse
natürlich woanders ist und unsere Arbeit dem Erreichen
dieses in der Ferne schimmernden Anderswo gilt, in einem
ewigen Aufschub, den man sich mit Mikrodosierungen des
Aktual-Glamourösen erträglich (und phasenweise
auch mehr als das …) gestaltet.
} Die historischen
Glamourszenen der Bohème in
Paris, München, London, New York und Berlin (KünstlerInnen,
KritikerInnen und JournalistInnen) haben aber dennoch auch
schon selbstorganisiert in loser Abhängigkeit zur
Kulturindustrie gearbeitet. Auch das Bild des „Nichtstuns“,
oder besser, des „Sich-den-Anschein-des-Nichts-Produzierens-Gebens“ kommt
von daher. Die Frage wäre doch: Wird es nicht eher
für andere Leute als für uns gerade massiv schlechter,
weil diese historischen Bilder und Selbstinszenierungen
des Faulenzens, des glamourösen Scheiterns und gleichzeitig
Kreativ- und Effizientseins als „produktive Ressourcen“ aufgemöbelt
werden, weil es eine unumstößliche Vorstellung
gibt, dass Absatzmärkte heute mit „neuen Ideen“ mehr
denn je verknüpft seien und somit alles, was manuelle
Arbeit ist - repetetive Arbeit und Versorgungsarbeit -
noch einen Schritt mehr gegenüber Wissens- und Kulturarbeit
abgewertet wird als in der Blüte der europäisch-bürgerlichen
Hochkultur?
Die Kunsthistorikerin Helen Molesworth
schreibt über
die dadaistische Rebellion gegen Arbeit, es handle sich
hier nicht, wie von der offiziellen Kunstgeschichte gern
angenommen, um eine ewig pubertäre Verweigerung um
der Verweigerung willen. Vielmehr gehe es bei Dada um Strategien
der Arbeitsverweigerung oder ironischen Mimikry von Arbeit,
die einen „set of management techniques“ darstellen,
wie man als KünstlerIn bei Aufrechterhaltung einer
kritischen Perspektive inmitten der endlosen Veränderungen
und Verschiebungen und Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus
(über)leben könne. Molesworth spricht in diesem
Zusammenhang von einer „provisorischen Legitimität“ einer
Art und Weise zu leben, die sich der Infragestellung und
Wiedererfindung von zuvor artikulierten Formen der Arbeit
verdankt. Von hier eine Verbindung zu dem Problem herzustellen,
das die relative Privilegiertheit der bohemistischen Existenz
(u.U. auf Tuchfühlung mit der Kulturindustrie) gegenüber
der „manuellen Arbeit“ betrifft, ist schwierig.
Aber auch notwendig. Denn die Kennzeichnung einer Praxis
als „künstlerisch“, so armselig und randständig
sie sein mag, scheint diese Differenz unweigerlich zu bestätigen.
Paradoxerweise könnten es gerade die glamourösen
Momente - auf beiden Seiten - sein, die eine Brücke über
diese Differenz schlagen, ohne diese zu verleugnen. Denn
Glamour ist (noch) ein um einiges freierer, transgressiverer
Code als etwa Kunst.
Anmerkungen:
1 Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Berlin,
Universitas-Verlag 1932
2 Alain Ehrenberg: Le Culture de la Performance, Paris,
Calmann-Levy, 1991
|
The interview was conducted by Marion
von Osten
ATELIER EUROPA TEAM } You
are working on a long-term project, in which you seek to
newly anchor the
concept
and use of glamour in theory. In an article for the "Glamour" edition
of Spex in 1998 you were already interested in the function
that "glamour" had for the political staging
of the red/green government in Germany, and in an interview
you mentioned the concept of the glamourization of the
working world as a broad field of investigation. I find
both aspects interesting since I presume that the aesthetic
glossy staging of politics cannot be separated from its
program of labor market policies because both concepts
are supposed to correlate to a new common sense of social
democracy.
TOM HOLERT: I'm not so sure about the connection
between the two levels of glamour that you mention. The
promises
of glamour and the glamour ambitions of the red/green government
were reactions to the completely de-glamourized zone of the
Kohl years. There was, in fact, a great sense of relief after
the election was won in 1998, even among the skeptics. And
yet what was immediately tangible was nonetheless not only
the futility, but also the latent explosiveness of these
claims of glamour. They just harmonized too well with the
normalization processes since 1989, an increasingly openly
nationalistic discourse that was now able to adorn itself
not only with a veritable capital city backdrop and "building
up the East", but also with culture, with reminiscences
of Berlin of the 1920s, or with a retro-modernist future
look in advertising and design. The new "Berlin Republic" also
sought glamour, for obvious reasons, in the call for and
promotion of a national film industry à la Bernd Eichinger,
complete with its own stars and trappings. Popular literature
emerged with stories oscillating between consumerist connoisseurship
and arrogance of a Germany liberated from its old burdens
of history. Since then it has become evident how untenable
this reformatting of the political cultural sphere was to
be begin with, how quickly it would all prove to be not only
impossible to finance, but also aesthetically and professionally
underdeveloped. Yet this reformatting had consequences. Since
the glamour claims were targeted to a model of the public
sphere full of the-end-of-history rhetoric (which was only
further advanced by museumization and a culture of memorials)
and of a post-critical self-awareness, they changed this
public sphere. From the mutation of newspaper supplements
to pseudo-subcultural sites of pop essays and third culture
propaganda to the birth of the talkshow politician, from
the reduction of the movement of the sixties to a few ingenious
(image) formulas to Harald Schmidt taking power in the minds
of the intelligentsia, traces can be found everywhere of
the erosion of an opposition qua glamour that marked the
Federal Republic of Germany that had been mostly unglamourous
for a long time.
Now for the second part of your question:
it can only be conjectured that the neo-national shine
of the Berlin Republic
radiated to the working worlds of the New Economy that
was just taking off at that time. It is likely that everyone
somehow profited from the willingness to dissolve history
in glamour, like the critical and self-critical objections
to an all too immoderate way of doing business: from the
incredibly "glamourous" loans for "founders" to
the ultimate victory of the principle of unpaid work (model:
internship) in exchange for the feeling of taking part
in something that might be called a glamourous community
and
form of living. However, the term glamour should not be
taken too narrowly here. It can hardly be delimited meaningfully
anyway. A distinction should be made, though, between its
various uses and meanings. The "glamour" that
so many hoped for from a "German" film culture
or a representative chancellor-actor is not identical with
the
imagined or real glamour (although, of course, "imagined" and "real" can
hardly be distinguished in the case of glamour) of a scene
of entrepreneurs attempting to build up an existence in
between advertising agencies, architectural firms, cultural
studies,
web design, clubs, art spaces and much more, huddled together – frequently
in parallel – with subculture and establishment.
For several years the atmosphere was certainly right for
taking
leave of all doubts and political impulses in the brilliance
of the moment. For this reason, a one-sided interpretation
of glamour was able to prevail, specifically the one associated
with success and superiority, whereas the more ambivalent,
difficult, broken, subaltern and even "critical" uses
of glamour retreated. In many cases glamour was simply
asserted and auto-suggestively used because an economic
and individual
misery could thus be suspended in a social aesthetic.
Especially since work usually involved dealing with the
newest technical
equipment and high-flying discourses. The communities that
emerged were and are held together by ideas of a way of
living and a lifestyle. Collectivity is experienced through
a certain
comportment, through fashionable coding, through the alignment
of biographies, even if only temporarily shared. Regardless
of how consciously it happens, dosages of the glamourous
come into play here; or involuntary glamourizations qua
lifestyle practice and theory. Models and examples of glamourous
congeniality
and collaboration are activated: Fassbinder's Family, Warhol's
Factory, Godard's Bande-à-part and other historical
glamourous collectivities. The fact that lifestyle communities
also provide target group definitions and can be used as
marketing tools is either ignored, accepted or combated.
This leads, in turn, to crucial differentiations and distributions.
} Beyond
the images that have become hegemonic, there was, and is
also, the glamour
of the "expressive existence
minimum" in Berlin, of illegal clubs, of the newly
forming scene in between art and politics in which completely
different
images circulated which not only always muted straight
into start-ups but also generated new forms of cultural
production,
which is in fact the focus of our project. These circles
have countered the "New Center" with the most
diverse forms of public articulation. How do you assess
their share
in the production of flexibilized working conditions furnished
with the image of the glamourous?
: "Glamour of
the expressive existence minimum",
I like that. I realize that the official Berlin Republic/Neue
Mitte version of glamour has not remained uncontested,
and that the protest and the critical use of an increasingly
intimate knowledge and further ranging inklings of a (historical)
practice of the anti-glamourous have been sparked, not
least
of all, by these appropriations of glamourous history that
is always also linked with subcultural histories. The "new
forms of cultural production", in which this practice
is evident, in which the anti-glamourous is constitutive,
may also exercise a power of enticement leading to the
renewal and greater attractiveness of working situations.
The "forms
of cultural production" that you mention are indeed,
not least of all, forms of unexpected cooperation and the
utilization of the non-utilizable, in other words a creation
of value, that cannot be "counted on", calculated,
a surplus production that eludes the respectively dominant
economic logic. And glamour has a lot to do with these
kinds of surpluses and their social and aesthetic treatment.
That is also why the existence minimum can become "expressive" – glamour
is a magnitude directed against what is "normal",
an "an-economical" category, as Derrida would
say. However, one should not underestimate how that cuts
both
ways. The neighborhoods of a glamour that can become a
medium of unimagined communication and encounters in a
deregulated
social sphere, the kind of glamour whose a-socialness soon
turns into authority, arrogance, and distance.
What happens if glamour, with all its ambivalence, has
destructive consequences specifically for those who think
they have successfully
appropriated glamour in a counter-hegemonial way? If the
dismissive and authoritarian moments of the glamourous
ultimately prevail over its transgressive, subversive,
deterritorializing
aspects? Would this be merely an admission of impotence
or the usual risk that is part of dealing with and striving
for glamour?
The reconstruction of the history of urban glamour, this
underestimated, widely distrusted aesthetic category of
the early 20th century, repeatedly leads us to places where
the
protagonists and observers (frequently one and the same
person) have become tired of their own fascination. Towards
the end
of The Artificial Silk Girl [1]
from 1932, probably the collection of reflections on glamour
(and shine or gloss)
of the late
Weimar era aside from Kracauer's essays, Irmgard Keun writes: "The
man is very elegant and has black oiled hair, with which
one can never be happy, because it always shines for others." The
identification of shine and happiness, as it is partially
suggested earlier in the novel, turns into an opposition
here. The last sentences state: "But I can still become
a hulla too – and if I become a shine, then maybe
I am even worse than a hulla, which was good. The shine
doesn't
really matter so much."
} In your opinion then,
is the glamourization of the working world just an ideology
project to glorify precarious
employment, in other words just an "illusion" in
Adorno's sense? Or what would the productivity of the "glamourous" in
working conditions be beyond glorification?
Glorification
certainly comes into play, if it is supposed to recompense
competition, mobbing, excessive
night shifts,
low wages, all-inclusive life with the colleagues, etc.
and legitimize that all of this is a matter of lifestyle,
a self-realization
project in the more or less great game of business and
culture. But naturally the self-images developed in this
way release
something, too; they establish a climate that favors creativity,
for example, also in setting up collective forms – as
well as fears of failure, anorexia, cocaine dependency,
sleeplessness, an incapability of maintaining relationships,
etc. It is
paradoxical that for broad circles of the "creative
industry" (this applies less to the IT branch in a
broader sense) the decisive image language of this time,
roughly
since the early 1990s, celebrated the opposite of what
was actually called for in the new start-up businesses,
namely
unemployment, partying, hanging out. In other words, the
image of the – in the conventional sense – unproductive
person (alone or in larger or smaller groups) devoted solely
to the representation of themselves or "thrown back
on" this staging of body, appearance and gesture,
was the photo wallpaper installed in the hip imaginary,
against
which all the drudgery was carried out. It was already
evident here that the new competencies had long since ceased
to require
any kind of "education" in the traditional understanding
of education (training, university degree, etc.), because
short-term jobs in the field of cultural services could
do without special skills or abilities – but instead
demand the total commitment of the body and personality
of the individual
(an idea from Diedrich Diederichsen). And this is where
glamour becomes relevant as a technology for illuminating
and investigating
the individual (both literally and metaphorically). The "cult
of performance", of which the psychologist Alain
Ehrenberg [2]
speaks in reference to the psycho-ideology of the present,
comes down to rehearsing glamour. How this post-work glamour
(or working poor glamour) is linked with the historical
forms of the glamourous and how it differs from the numerous
anti-glamourous
appropriations and transformations of historical glamour – these
are questions that interest me.
} Does that mean being
able to understand with this concept why we work the way
we do as culture and knowledge
producers?
Is it also a matter of understanding where the resistively
charged industriousness and the over-identification with
the subjects of our own interests come from? Our interviews
show that "hanging out" is, in fact, something
that no one does anymore. It is described as a lack that
there is no longer any time out and that it is not at all
glamourous to live like this, because sociality can hardly
be established (not even heteronormative sociality), if
you do not waste any time or if you never simply give yourself
up to the course of the day without immediately thinking
about how to make use of the ideas gained this way in the
next phase of work. At the same time, I find the incapability
for relationships a difficult concept, and your list of
the
negative effects of the new working circumstances seems
to be a bit too much cultural pessimism. On the one hand,
of
course, because this follows the notion that there is a "normal" capability
for relationships (and these would most likely be heterosexual
then?). On the other hand, it also suggests – of
course, I am exaggerating here – the absence of fears
of failure on the assembly line or the power of new working
circumstances
to dissolve "traditional abilities". Couldn't
new "qualifications" for
changed models of relationships and work also result, which
do not only oppress, exploit and humiliate us?
Admittedly,
my characterization of the flexibilized, incipiently bohemianized
worlds of work is somewhat one-sided.
I will accept "cultural pessimism", although
I actually have little use for the term as an argument
in these
confrontations, because what would the opposite term be, "cultural
optimism"? The aestheticization of an existentially
marginal situation especially justifies some cultural pessimistic
assessments. Pessimistic, is that supposed to mean in relation
to the concept of culture that is so often introduced argumentatively
and in a legitimizing way and frequently has the discursive
function of keeping politics and economy out of the arena?
With "incapability for relationships" I don't
necessarily mean the normative couple relationship, but
rather a difficulty
with relationships in general. But you might be right that
the change in social and working circumstances, even if
viewed from the perspective of the ideological obscuring
of power
relations, is also the distorted reflection of a development
that initially preceded this change and now runs in parallel
divergence to it: the de-differentiation and disidentification
in social relationships in general, the opening of a space
of transgressions and interlockings, which can have a glamourous
dimension as such (not only in the "Paradise Garage" or
in "Ostgut"). Because the excess, stepping outside
oneself, the deregulation of the norm, as intermittent
and fleeting as it may be, can also become resources of
a glamour
that is distinguished specifically in the farthest reaching
negation of the commodity form and its presentation in
dominant practices of glamour. Georg Seeßlen once
posed the question of whether glamour, seen from a historical
perspective,
might be the result of the separation between (aristocratic)
power and (economic) wealth. Perhaps one could say that
in the situations and moments just described, power lies
in
recognizing and presenting one's own real impotence – in
the sense of unfolding a magnificence that is grounded
in nothing other than an intensive, temporary sensation
of unbounded
sovereignty.
I agree with you entirely that the wishful images of glamourously
hanging out without working run counter to obsessive work
and the over-identification with work and "project" among
our peers. It is much more the case that a horizon of the
impossible is drawn here, which reminds us that the truly
glamourous is somewhere else and our work is devoted to
reaching this elsewhere that glows in the distance, in
a perpetual
postponement that is made bearable (and even more than
that in some phases ...) with micro-doses of what is currently
glamourous.
} Yet the historical glamour
scenes of the Bohème
in Paris, Munich, London, New York and Berlin still also
worked in self-organized arrangements in loose dependency
on the cultural industry. Even the image of "idleness",
or rather giving the appearance of "not producing" comes
from this. Then the question would be: is it not actually
far worse for other people than for us that these historical
images and self-representations of idleness, of glamourously
failing and simultaneously being creative and efficient
are refurbished as "productive resources", because
then there is an inevitable notion that the markets today
are more closely tied to "new ideas" than ever,
so that any kind of manual work – repetitive work
and caretaking – is devalued again with respect to
knowledge and cultural work, even more than in the heyday
of European
bourgeois high culture?
The art historian Helen Molesworth
writes about the Dadaist rebellion against work that this
did not involve
an eternally pubescent refusal for the sake of refusal,
as official art history likes to presume. Instead, Dada
was
concerned with strategies of a refusal of work or an ironic
mimicry of work that represent a "set of management
techniques" for how one could live (survive) as an
artist while maintaining a critical perspective in the
midst of
the endless changes and shifts and contradictions of capitalism.
In this context Molesworth speaks of a "provisional
legitimacy" of a way of living derived from questioning
and reinventing previously articulated forms of work. From
this point it is difficult to establish a connection to
the problem relating to the relatively privileged state
of bohemian
existence (which is sometimes closely connected to the
cultural industries) in comparison with "manual labor".
Yet it is also necessary. Because characterizing a practice
as "artistic", as miserable and marginal as it
may be, inevitably seems to affirm this difference. Paradoxically,
it could be specifically the glamourous moments – on
both sides! – that could bridge this difference without
denying it. Because glamour is (still?) a somewhat less
restringent, more transgressive code than, for instance,
art.
Annotations:
1 Irmgard Keun: The Artificial Silk Girl, London: [S.N.],
1933
2 Alain Ehrenberg: Le Culture de la Performance, Paris,
Calmann-Levy, 1991
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