Ein E-Mail-Gespräch mit
Brian Holmes
Geführt von
Marion von Osten
ATELIER
EUROPA TEAM } Die nächste
Ausgabe von Multitudes ist dem Thema der kulturellen und
kreativen Arbeit gewidmet. Können Sie erläutern
warum und aus welcher Perspektive Sie kulturelle Arbeit
und kreative Tätigkeiten betrachten, d.h. glauben
Sie, dass es möglich ist, die immanente Dynamik postfordistischer
Produktionsweisen durch diese spezifische Form von Arbeit
und ihre Rahmenbedingungen erklären zu können?
BRIAN
HOLMES: Tatsächlich haben wir ein Unterkapitel,
das so genannte „mineure“ von Multitudes no.
15 dem Thema „Kreativität und Arbeit“ gewidmet.
Im Kern besagt der Begriff der „immateriellen Arbeit“,
dass das Management von Informationen, aber auch das Zusammenspiel
von Affekten für gegenwärtige Arbeitsprozesse
entscheidend geworden ist – auch in den Fabriken,
aber noch viel stärker in den zahlreichen Formen der
Sprach-, Bild- und Raumproduktion. Arbeiter werden nicht
mehr als tayloristische
Gorillas behandelt werden, die ausschließlich auf
der Grundlage ihrer körperlichen Kraft ausgebeutet
werden. Der „Geist des Arbeiters“ muss in die
Produktionshallen herabkommen, von dort aus kann er dann
größere
Autonomie gewinnen, indem er in die flexiblen Arbeitsverhältnisse
entweicht, die sich auf urbanem Territorium entwickeln.
Diese Vorstellungen sind mittlerweile im Mainstream der
Soziologie
angekommen und viele Autoren beziehen sich auf künstlerische
Produktionsweisen als Leitbild der neuen Managementmethoden
und -ideologien des zeitgenössischen Kapitalismus,
mit all seinen Ungleichheiten, Ausschlüssen und Formen
der Selbstausbeutung. Das jüngste Beispiel ist Pierre
Mengers „Portrait
de l'artiste en travailleur“ [Porträt des Künstlers
als Arbeiter].
Wir sehen das anders. Natürlich werden die Menschen
durch die Individualisierung innovativer Arbeitspraktiken
dem flexiblen Management ausgesetz. Natürlich ist sprachliche
und affektive Arbeit für die kapitalistische Ökonomie
von entscheidender Bedeutung, weil sie die Mentalitäten
formt, für die eine Ware begehrenswert werden kann.
Wir nehmen aber auch die wirklich gewonnenen Freiräume
in den Blick. Daher haben wir das „majeure“,
den Hauptteil der Ausgabe, auch aktivistischen Praktiken
in der Kunst und dem Thema „Forschung für Außenstehende“ gewidmet.
Zudem sind wir sehr an dem anhaltenden Kampf der Teilzeitangestellten
im Theater und in der Filmindustrie Frankreichs interessiert.
Vor allem interssiert uns der besondere Arbeitslosenstatus,
der 1969 erkämpft wurde und ihnen ein zusätzliches
Einkommen garantiert. Dieser Status ermöglicht das Führen
eines Künstlerlebens in einer effizienzorientierten
kapitalistischen Gesellschaft. Raffarins neoliberale Rechtsregierung
will dieses Arbeitslosensystem jetzt demontieren, da sie
wissen, dass diejenigen, die davon profitieren, aktiv an
einem alternativen Ideal von Gesellschaft arbeiten.
} Glauben Sie, dass die Produktionsbedingungen
kultureller Arbeit und kreativer Tätigkeiten heute
andere sind als früher und wenn ja, wie würden
Sie diese Veränderungen
beschreiben?
Nun, es ist nicht nur so, dass
heutzutage bei relativ gewöhnlicher Arbeit mehr Erfindungsgabe
und Spontanität
gefragt sind als vor nur etwa 30 Jahre, sondern sich darüber
hinaus auch kreative Arbeit vom Geniemodell des individuellen
Künstlers zugunsten kollaborativer Prozesse verabschiedet
hat - häufig unter der Nutzung komplizierter Kommunikationsmaschinen.
Oft werden die Wurzeln dieser Entwicklungen in der Filmproduktion
Hollywoods sichtbar, die ja immer einzigartig ist und eines
speziell zusammengestellten Produktionsteams bedarf. Aber
Hollywood hat die kollaborative Produktion weder erfunden
noch hat es ein Patent darauf. Zeitschriften wie Multitudes
können fast ausschließlich auf der Basis unentgeltlicher
Zusammenarbeit produziert werden. Das ist eine Art “Ökonomie
der Gabe”. Der kreative Aspekt der Arbeit macht diese
freiwilligen Initiativen so begehrenswert, weil viele das
Gefühl haben, dass sie persönlichen Beziehungen,
die in letzter Instanz dem Gesetz des Marktes gehorchen,
weder trauen noch genießen können. Kommerzielle
Unternehmen mögen zwar versuchen, diese Organisationsformen
zu imitieren, was für sie natürlich großartig
wäre, da es so billig ist, aber in der Regel gelingt
es ihnen nicht. Der große Internetcrash erweist gewissermaßen
der Tatsache Referenz, dass man aus interpersonalen Tauschverhältnissen
keinen Profit ziehen kann. Deshalb kann man zur Zeit auch
beobachten, wie die Kommunikationstechnologien durch das
Konzept des geistigen Eigentums reorganisiert werden, da
so die Hoffnung auf Profit noch aufrecht erhalten werden
kann. Natürlich könnte man dieses ganze Feld
der kooperativen Produktion als ein Streben nach Prestige
und Öffentlichkeit
erklären, dass erst später zu monetärer
Belohnung führt. Diese Form entmystifizierender Kritik
ist sicherlich notwendig, aber doch unzulänglich.
Es ist entscheidend, die Voraussetzungen dieser „Ökonomien
der Gabe“ zu
verstehen. Dies sind beispielsweise Bildung, Zugang zu
Informationen, Zugang zu Distributions- und Infrastrukturen
und sogar zu
Wohn- und Arbeitsräumen, für deren Finanzierung
keine Vollzeitanstellung nötig ist. Die KünstlerInnen
in den westlichen Gesellschaften tendieren dazu, diese
Angelegenheiten aus individualistischer Perspektive zu
betrachten: Wenn sie über
die notwendigen Voraussetzungen verfügen – was
Virginia Woolf als ein “eigenes Zimmer“ zusammengefasst
hat – machen sie ihre Kunst. Aber diese individuellen
Lösungen machen uns alle sehr verwundbar gegenüber
den mächtigeren und besser organisierten Gruppen der
Gesellschaft, oder etwa nicht? Es mag also sinnvoll sein,
darüber nachzudenken, wie diese Grundbedingungen kreativer
Arbeit immer mehr Menschen zur Verfügung gestellt
werden könnten und auch wie man sie verteidigen könnte,
falls sie wie zur Zeit angegriffen werden. Denken Sie beispielsweise
an die massiven Angriffe auf das unentgeltliche Bildungssystem
oder auf die politischen Freiheiten des Internets. Ich
glaube, dass heutzutage die schwerwiegende Problematik
wie das demokratische
Emanzipationsversprechen einzulösen ist, auf folgende
Frage hinausläuft: Wie kann ein breiterer Zugang zu
Wissen und Kultur sowie ihrer Transformation und Vermittlung
geschaffen werden? Weil eben die Wiedergewinnung demokratischer
Kontrolle von den Medienoligarchien genau dies notwendig
macht.
} Diverse politische Programmatiken in
Deutschland und Großbritannien, wie beispielsweise
das Schröder-Blair-Papier,
aber auch die Fachliteratur für das Management haben
das Arbeitsleben des „Künstlers“ und ähnliche
Formen der Sinngebung als Modell für ein unternehmerisches
Selbst heraufbeschworen. Vorgestellt wird unter diesem
Begriff ein Subjekt, das Lebens- und Arbeitszeit unter
dem Banner
des ökonomischen Erfolgs synchronisiert. Ich glaube,
dass diese Bezugnahme auf den Künstler als gesellschaftliches
Leitbild den kollektiven und kritischen kulturellen Praktiken
in den 90er Jahren sehr geschadet hat. Die Situation in
Frankreich scheint mir etwas anders gelagert. Hier beobachte
ich, dass
der kulturelle Produzent und der Begriff der „immateriellen
Arbeit“ wesentlich stärker im Rahmen subversiver
oder sogar widerständiger Praktiken verstanden und
verortet werden.
Frankreich ist ein Land, das
traditionell die unterschiedlichsten Formen anspruchsvoller
kultureller
Produktion wertschätzt
und zudem eine vergleichsweise starke institutionalisierte
Linke hat, was zum Teil seit der Volksfront von 1936 über
den Gedanken der kulturellen Demokratisierung artikuliert
wurde. Es gibt also viele institutionalisierte Räume
für kreative Praktiken. Auch wenn der sozialistische
Kulturminister Jack Lang in den 80er Jahren den Versuch
unternommen hat, diese kulturellen Aktivitäten „profitabel“ zu
machen, war das eigentlich immer eine Art Fiktion, da der
Raum des Kulturellen sich hauptsächlich mit staatlicher
Unterstützung ausgedehnt hat. Aus zynischer Perspektive
kann man behaupten, dass die Sozialisten, als sie an die
Macht kamen, sich eine wichtige Wählerschaft, die
KünstlerInnen,
gekauft haben und sie mit einem Unmaß an bürokratischer
Kontrolle umstellt haben, damit sie keinen Ärger mehr
machen konnten. Daher gibt es auch kaum einen „Underground“ in
Frankreich, genauso wenig wie die typisch angloamerikanische
Verwertungsdynamik, in der Popkultur und Werbeindustrie
permanent den „Underground“ auszuspähen,
um Talent abzuschöpfen und subkulturelle Wunschvorstellungen
zu vermarkten. Trotz der situationistischen Echos, die
immer
noch fortleben, und trotz all der italienischen Exilanten,
die sehr interessante Theorien in Frankreich hervorgebracht
haben, ging der Widerstand bis vor kurzem hauptsächlich
von den Angestellten aus, insbesondere den Theater- und
Filmleuten – immer
vor dem Hintergrund der Gewerkschaften als Modell kollektiven
Handelns, das tief in den Repräsentationspolitiken
eingebettet war. Erst kürzlich ist dieser Widerstand
ausdrücklich
subversiv im starken Wortsinn einer Infragestellung gegenwärtiger
sozialer Rollen und Positionen geworden. Höchstwahrscheinlich
wird der Versuch der Rechten, eine selbstgefällige
kulturelle Klasse aus ihren staatlichen Sinekuren zu vertreiben,
noch
mehr von dieser neuen und virulenten aktivistischen Kritik
hervorbringen, die wir von den teilzeitangestellten Film-
und Theaterarbeitern kennen.
} Meinen Sie, dass
die Positionierung von KünstlerInnen
oder kulturellen ProduzentInnen als neue Leitbilder der
Gesellschaft, ein Signal für diese sein sollte, sich
politisch zu organisieren und/oder mit anderen politischen
Bewegungen,
die den Neoliberalismus bekämpfen und Widerstand leisten,
zusammenzuarbeiten?
Mit Sicherheit!
Wir können zur Zeit sehen, dass
die privilegierte Position, die die kulturelle Produktion
während der europäischen Sozialdemokratien der
80er und 90er Jahre innehatte, aus unternehmerischer Sicht
entbehrlich ist. Sie kann gestrichen werden wie jeder andere
Klient des überkommenen Wohlfahrtstaates. Wenn KünstlerInnen
weiterhin außerhalb der engen Rahmen elitärer
Patronage und staatlich geförderten Kulturtourismuses
experimentell agieren wollen, müssen sie kritische Diskurse
entwickeln, die andere Entscheidungsgrundlagen für die
Verteilung von Ressourcen zur Verfügung stellen, jenseits
von „Geschmack“ und Zuschauerquoten. Diese Diskurse
werden jedoch nicht einfach von selbst aus der Mitte des
kulturellen Establishments hervorgehen. Andere Gruppen, die „normalerweise“ ausgeschlossen
sind, müssen ins Spiel gebracht werden. Ich meine hier
sowohl direkt unterdrückte Gruppierungen wie auch diejenigen,
die irgendein Interesse an sozialer Gleichstellung haben.
Beide hätten sich zuvor keine Zeit für die Kunstwelt
und ihre elitären Spiele des Prestiges und „Posings“ genommen.
Aber warum ist für solche Gruppen überhaupt Raum?
Weil einige Elemente des bestehenden Kunstdiskurses ästhetische
Experimente als Ausgangspunkt für die Transformation
dessen halten, was im Französischen le partage du sensible
heißt, die Teilung und Teilhabe an der sinnlich erfahrbaren
Welt. Darum kann die Beschreibung, wie künstlerische
Praktiken innerhalb eines Protestkontextes funktionieren,
nützlich sein, um kulturelle Räume zu eröffnen.
Ich habe bereits an anderer Stelle ausgeführt, dass
es daher erforderlich ist, Museen zumindest teilweise zu
so etwas wie Informationszentren für transversale Kommunikationspraktiken
umzustrukturieren, wo dann KünstlerInnen und soziale
Bewegungen zusammenkommen, wo Identitäten und Disziplinen
verschwimmen. Wir können uns jetzt einige Versuche vorstellen,
diese Art von Experimente über nationale Grenzen hinweg
in Netzwerken zu verbinden. Gerald Raunig und seine Mitstreiter
versuchen genau das mit ihrer mehrsprachigen „Republicart“ Website.
Es ist dringend notwendig, rahmende Diskurse und gemeinsame
Positionen zu entwickeln, so dass in kohärenterer Weise
Druck auf die Entscheidungsträger innerhalb der kulturellen
Infrastruktur ausgeübt werden kann. Ich spreche hier
nicht von einer Punkt-für-Punkt-Agenda. Ich spreche
hier davon, eine erkennbare, kohärente und überzeugende
Diskussion über die wünschenswerten Charakteristika
und die dauerhafte Lebensfähigkeit einer demokratischen,
sozial transversalen, politisch orientierten kulturellen
und künstlerischen Sphäre aufzubauen – über
eine offene, sich auflösende Sphäre, in der die
materiellen und rechtlichen Voraussetzungen der Vielfältigkeit
zum Gegenstand kollektiver Belange werden. Diese Form von
Diskussion (man könnte es auch „Problematik“ nennen)
wird zur Quelle von spezifischen Argumenten, Gesten, Urteilen,
Handlungen. Vielleicht ist das der Weg, wie die Welt auf
der Basis kultureller Produktion verändert werden
kann.
} Ich finde es interessant, dass immaterielle
Arbeit oder ihr Begriff aus der Einsicht hervorgegangen
ist, dass
der
industrielle Komplex sich verändert hat. Die Autoindustrie
ist immer noch ein Leitbild für die Diskurse über „neue
Arbeit“, wie man in Italien an der Bewegung des Operaismus
im Umfeld der Fiat Streiks sehen kann. Aber auch in Deutschland
mit den Vorschlägen der Hartz-Kommission zu neuen
Formen der Arbeitsorganisation, der Monetarisierung und
mit der
Idee der Ich-AG bzw. der selbstorganisierten Ein-Personen-Firma,
die auf Konzepten gründet, die im Rahmen der Umstrukturierung
der VW-Werke entwickelt wurden. Sogar der Begriff des „Postfordismus“ bezieht
sich auf Henry Ford und sein Modell der Autoproduktion
und –konsumption.
Gramsci meinte, der Fordismus oder die Autoindustrie als
Meta-Leitbild der modernen Wirtschaft wäre eine ideologische
Formel, die uns glauben machen soll, dass es nur einen
Verständnisrahmen
für Produktion und Kapitalakkumulation gäbe.
Der Feminismus formulierte eine ähnliche Kritik. Auch
er reklamentiert andere Formen der Arbeit als relevant,
sowohl
im Industriezeitalter wie auch in der heutigen Zeit. Würden
Sie sagen, dass der Begriff der „immateriellen Arbeit“ epistemologisch
im industriellen Konzept von Arbeit verwurzelt ist, in
der Kontrolle der Körper, der Optimierung von Zeit-
und Produktionsabläufen, der Organisation von Effizienz
und dem allgemeinen Druck der Verdinglichung? Und wie,
wenn das zutrifft, können wir den Begriff von dieser
traditionellen Vorstellung befreien und einen Begriff entwickeln
der Nicht-Arbeit,
Fürsorgearbeit, die Produktion des Sozialen, etc.
reflektiert und zwar nicht aus der Perspektive kapitalistischer
Akkumulation?
Das ist eine Schlüsselfrage
für
die Multitudes Gruppe. Die Antwort könnte den Begriff
der „immateriellen
Arbeit“ und die dahinter stehenden Argumente als Übergangsmoment
verstehen. Diese Argumente wurden zuerst aus der Erfahrung
der „Arbeitsverweigerung“ im Zuge der großen
Streiks bei Fiat und anderen entwickelt; aber auch aus
der Einsicht, dass die Bosse bewusst die tatsächlichen
Bedingungen der Arbeit verändert haben, um traditionelle
Streiktechniken ihrer Effektivität zu berauben. Arbeit
wurde zunehmend automatisiert, Fabriken wurden mit der
elektronischen Koordination
von weit voneinander entfernt liegenden Produktionsstätten
kleiner, während die übrig gebliebenen Arbeiter
durch bessere Ausbildung und größere Verantwortung
immer stärker in die Produktionsabläufe integriert
wurden. Viele hatten aber die Fabriken durchaus freiwillig,
den Strategien der Bosse zuvorkommend, verlassen und sich
innerhalb der kleineren, selbstorganisierten Produktionsketten
in den neuen Industriebezirken Norditaliens niedergelassen.
Man könnte die großen Streiks und die innovativen
Pioniere der neuen Arbeitsmuster als treibende Kraft eines
Wandels verstehen, der das gesamte industrielle System überholte.
Eine neue Lesart von Marxs Grundrissen (und insbesondere
des sogenannten „Fragments über Maschinen“,
das einen Fokus auf den technologischen Fortschritt als
Prozess richtet, an dessen Ende Arbeit als solche überflüssig
wird. Die so freigesetzte Zeit kann der kulturellen und
intellektuellen Bildung der Arbeiter zukommen. Zudem werden
im selben Zug
die Bedingungsstrukturen der Ausbeutung, auf denen der
Kapitalismus gründet, erodiert) wurde zum Mittel,
die Zukunft der Klasse jenseits von Lohnverhandlungen,
die zur Hauptaufgabe
der Gewerkschaften geworden waren, und tatsächlich
auch jenseits der Bedingungen von Lohnarbeit überhaupt
zu skizzieren. Toni Negris Analyse in „Marx jenseits
von Marx“ setzt sich mit eben dieser Thematik auseinander.
Von diesem Punkt ausgehend, ergeben sich jedoch zwei noch
ungelöste Herausforderungen bezüglich des Verhältnisses
von Theorie und Praxis. Eine davon wäre, neue epistemologische
Fundamente zur Beschreibung kooperativer Produktionsprozesse
zu finden. Einige Anhaltspunkte werden in Maurizio Lazzaratos
kürzlich erschienenem Buch „Puissances de l’invention“ [Die
Macht der Erfindung] genannt, das einen Begriff von Produktion
auf der Grundlage dessen entwickelt, was der Soziologe
Gabriel Tarde im späten 19. Jahrhundert als Erfindung
und Nachahmung beschrieben hat – oder was Deleuze
als Differenz und Wiederholung bezeichnet. Der Grundgedanke
ist, zu zeigen,
dass der Produktionsprozess niemals auf der lenkenden Kraft
des Kapitals, sondern immer schon auf menschlicher Erfindungsgabe – ungefähr
das, was bei Marx „allgemeiner Intellekt“ genannt
wird – basierte. Diese wurzelt sowohl in den Formen
der Produkte wie auch in den Maschinen, die sie produzieren.
Lazzarato berücksichtigt die Momente der Erfindung
und Nachahmung aber auch bei allen möglichen Formen
von affektiver und imaginärer Produktion – Formen
der Fürsorge, soziale Formen, künstlerische Formen – und
er versteht „Maschinen“ im Deleuze-Guattarischen
Sinne als soziale Assemblagen. Feministische und kulturalistische
Perspektiven, die unsere eigenen Beweggründe der Produktion
erneut untersuchen, könnten einen wichtigen Beitrag
zu einem immer noch primär ökonomisch und semiotisch
orientierten Diskurs leisten. Wir brauchen neue und überzeugende
Erklärungen, wofür es sich in dieser Gesellschaft
lohnt gemeinsam zu arbeiten und warum bestimmte Aktivitäten
mit den für die weitere Entwicklung notwendigen Ressourcen
ausgestattet werden sollten, ohne sich permanent auf die
derzeitige Entschuldigung „weil sie Profit abwerfen“ zu
berufen.
An diesem Punkt muss aber auch eine Auseinandersetzung
mit einem weiteren schwerwiegenden Problem stadtfinden,
nämlich,
dass die technologischen Bedingungen, die die Existenz
und Ausbeutung von Lohnarbeit im fordistischen Zeitalter
gerechtfertigt
haben, grundsätzlichen Veränderungen unterworfen
sind – und zwar ohne irgendeine Veränderung
der sozialen Verhältnisse bewirkt zu haben. Paolo
Virno hat gezeigt, dass drei Funktionen, die von Aristoteles
bis
Hannah Arendt im Selbstverständnis der westlichen
Gesellschaften traditionell voneinander unterschieden wurden,
heutzutage
unmöglich zu differenzieren sind. Bei diesen drei
Funktionen handelt es sich um die erduldete Verausgabung
körperlicher
Kraft, die stille und zurückgezogene intellektuelle
Arbeit und die sich im Medium der öffentlichen Sprache
vollziehende politische Tätigkeit. Mit den geistigen
und kommunikatorischen Formen der Arbeit in der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung leben wir jetzt, wie Virno meint, in
einem Zustand der unendlichen Öffentlichkeit ohne öffentlichen
Raum. Und die Unmöglichkeit, mit unseren virtuosen
Auftritten öffentlichen
Sinn zu stiften – das heißt die Unmöglichkeit,
konkrete gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken – kommt
einer Demütigung unserer zugleich höchsten und
allgemeinsten Befähigung gleich, nämlich der
der Befähigung zur Sprache selbst. Diese Demütigung
ist ein politisches Gefühl, das nach einer Antwort
verlangt. Ich glaube, dass heutzutage kulturelle Produzenten
durch
die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, gedemütigt
werden, durch das, was man den institutionellen Markt nennen
könnte. Können wir darauf reagieren? Können
wir den mehr oder weniger natürlichen Widerstand gegen
die zeitgenössischen Formen der Ausbeutung als Ausgangspunkt
nutzen, um den Versuch zu unternehmen, unsere neuen Auffassungen
von dem zu realisieren, wofür es sich lohnt in dieser
Gesellschaft gemeinsam zu streiten? Vermutlich wäre
die Frage vor nur wenigen Jahren als überspannt erschienen.
Kaum jemand hätte sie gestellt. Für meine Begriffe
wird das Leben heute, mit der allmählichen Entfaltung
dieses Fragehorizonts, ein kleines bisschen spannender.
|
An
E-Mail Interview with Brian Holmes.
Conducted by Marion
von Osten
ATELIER EUROPA TEAM } You are editing the next
issue of Multitudes on cultural and creative labour. Can
you
explain why and from what perspective you view cultural
labour and creative work, i.e. do you think it is possible
to explain the inner dynamics of post-Fordist production
modes due to this specific form of work and its conditions?
BRIAN HOLMES: Actually we have prepared what
is called the "minor" of Multitudes 15 on the
theme of "creativity
at work." The basic notion of immaterial labour is
that the manipulation of information, but also the interplay
of affects, have become central in the contemporary working
process – even in the factories, but much more so
in the many forms of language-, image- and ambiance-production.
Workers can no longer be treated like Taylorist gorillas,
exploited for their purely physical force; the "spirit
of the worker" has to come down onto the factory floor,
and from there it can gain further autonomy by escaping
into the flexible work situations developing in the urban
territory. These notions have made it through to mainstream
sociology, and several authors have taken artistic production
as the model for the new managerial techniques and ideologies
of contemporary capitalism, with all its inequality, self-exploitation
and exclusion. The most recent example is Pierre Menger's
Portrait de l'artiste en travailleur (Portrait of the Artist
as a Worker).
We don't see it that way. Of course the individualization
of innovative work practices exposes people to flexible
management; and linguistic and affective labour is vital
to the capitalist economy in terms of shaping the mind-set
in which a commodity can become desirable. But we also
focus on the real autonomy that people have gained. This
is why we have devoted the "major" of the issue
to activist art practices, and the theme of "research
for the outside." We're also very interested in the
ongoing struggle of the part-time cinema and theater workers
in France, concerning the special unemployment status which
they have won since 1969, which provides a supplemental
income making it possible to live an artist's life in an
efficiency-oriented capitalist society. The right-wing,
neoliberal government of Raffarin wants to dismantle this
unemployment regime, because they know that those who benefit
are actively producing another ideal of society.
} Do you think that the production conditions
of cultural labour and creative work are different nowadays
than in
the past, and when they differ, how would you describe
the changes?
Well, not only is there far more invention
and spontaneity involved in relatively ordinary work today
than as little
as thirty years ago, but also, creative work has moved
away from the genius model of the individual artist and
towards collaborative process, often mediated by sophisticated
communications machines. Many people trace the roots of
these developments back to the Hollywood film project,
which is always unique and requires a specially assembled
production crew. But Hollywood neither invented co-operative
production, nor has any patent on it! A journal like Multitudes
can be made almost entirely through unpaid cooperation.
It's a kind of gift economy. The creative aspect is what
makes these kind of volunteer initiatives desirable to
people, who often do not feel they can really trust or
enjoy personal relations that obey the bottom line of making
a wage or a profit. Businesses may try to imitate this
way of functioning – which would be great for them,
because it's so cheap – but they usually don't succeed.
The great Internet crash is a kind of homage to the fact
that you can't make a profit out of interpersonal exchanges.
That's why you now see the communications technologies
being reorganized around the notion of intellectual property,
where there is still the hope of extorting some money.
Of course, you could explain all this cooperative creation
as a search for prestige and publicity, which brings monetary
rewards later on. That kind of demystifying critique is
necessary, but insufficient. It's vital to understand the
preconditions which make the "gift-economies" possible,
such as education, access to information, access to tools
and distribution and even to lodging and work space which
does not require full-time employment to pay for it. Artists
in the Western societies tend to look at these things individualistically:
if they have the preconditions – what Virginia Woolf
summed up as "a room of one's own" – they
do their art. But the individual solutions leave us all
very vulnerable to the more powerfully organized groups
in society, don't you think? It might be useful to imagine
how these basic conditions for creative work could be provided
for more and more people, and defended when they come under
attack, as they are now (think of the massive attacks on
free education, or on the political freedoms of the Internet).
I think you'd find that in our time, the huge problem of
how to make democracy actually deliver on its promise of
emancipation comes down to this question: How to achieve
greater access to knowledge and culture, to their transformation
and transmission? Because regaining democratic control
from the media oligarchies requires achieving exactly that.
} In Germany and Britain, with different political
papers like the Schröder/Blair Paper, but as well
in managerial literature, artists' working life and diverse
methods of
creating meaning have been quoted for the model of an entrepreneurial
self, a subject which synchronizes life and work time under
the banner of economic success. I think that this quotation
of the artist as a role model was very harmful for collective
and critical cultural practices in the 90s. The French
situation seems to me a bit different. I see that the cultural
producer and the notion of immaterial labour is much more
set in an understanding of subversion or even resistance.
France is a country which traditionally values
all kinds of sophisticated cultural production, and it
has
a relatively strong institutional left which has been partially
articulated around the idea of cultural democratization
since the Popular Front of '36. So you have a lot of institutionalized
space for creative practices; and although the socialist
culture minister Jack Lang tried to make these cultural
activities "profitable" in the 1980s, that has
always been a kind of fiction, because the cultural sphere
has mainly expanded with the backing of the state. From
the cynical viewpoint, you can say that when the socialists
came to power they bought off an important constituency,
the artists, and surrounded them with an incredible amount
of bureaucratic control so they wouldn't make any more
trouble. This means you have much less of an "underground" in
France, and consequently, less of that typically Anglo-American
dynamic where the pop-culture and advertising industries
constantly prey on the underground, to siphon off talent
and market subcultural desire. So despite the situationist
echoes that still linger, and despite all the Italian exiles
who have produced such interesting theory in France, until
recently the resistance was mainly from the professions,
the theater and cinema people in particular – always
with the unions as a model of collective action, deeply
entrenched in representational politics. Only recently
has this resistance become actively subversive in the strong
sense of really questioning contemporary social roles and
positions. With any luck, the right's attempt to force
a complacent cultural class out of their state sinecures
will produce even more of the new and virulent activist
critique that we're seeing from the part-time cinema and
theater workers.
} Do you think that when artists
or cultural producers are addressed as a new role model
in society,
it is a sign
that they should start to organize themselves politically
and/or collaborate with other political movements which
resist and fight against neo-liberalism?
Clearly
I do! Now we can see that the privileged position which
cultural production held in the European
social democracies
of the eighties and nineties is always expendable, from
the managerial viewpoint. You can be cut like any other
client of the obsolete welfare state. If artists want to
go on developing experimentation outside the narrow frames
of elite patronage and state-backed cultural tourism, they
have to develop critical discourses that provide other
foundations of judgment for the distribution of resources,
beyond "taste" and box-office measurements. But
those discourses won't spontaneously emerge from within
the cultural establishment. Other people have to be brought
into the game, who have "normally" been excluded.
I'm talking both about directly oppressed groups, and about
people who are somehow interested in social equality, both
of whom would formerly have had no time for the art world
with its elite games of prestige and posing. But why is
there any space for such people at all? Because elements
of the existing art discourses consider aesthetic experimentation
as a starting point for the transformation of what in French
is called "le partage du sensible": the division
and sharing of the sensible world. This is why describing
how artistic practices work within protest contexts can
be useful for opening up the cultural spaces. I've argued
that it suggests the need for at least a partial change
of museums into something more like resource centers for
transversal communicational practices, where artists and
social movements come together, where identities and disciplines
blur. We can now envision some attempts to network these
kinds of attempts across the national borders. Gerald Raunig
and his collaborators are trying explicitly to do that,
with their multilingual Republicart website. The urgency
is to begin developing frame discourses, shared positions
that can exert a more coherent pressure on decision-making
within the cultural infrastructures. I'm not talking about
a point-by-point program. I'm talking about building up
a recognizable, coherent and compelling discussion about
the desirability and viability of a democratic, socially
transversal, politically oriented cultural/artistic sphere – an
open, dissolving sphere in which the material and legal
preconditions of multiplicity become a matter of collective
concern. This kind of discussion (what you might also call
a "problematic") becomes a resource for specific
arguments, gestures, judgments, actions. Maybe this is
how you change the world from a basis in cultural production.
} I find it interesting that immaterial labour
or its notion has come out of the understanding that the
industrial
complex has been transformed. The car industry is still
a role model for "new labour" discourses, as
one can see in the Italian operaist movement around the
Fiat strikes, as well as the Hartz commission in Germany,
on new forms of labour organization, monetarization and
the idea of Ich-AG, or self-organized one-person firm,
based on ideas developed before the background of transforming
the VW Factory. Even the word post-Fordism relates to the
concept of Henry Ford and his model of car production and
consumption. Gramsci said that Fordism, or the car industry
as a meta role model for modern economy, would be an ideological
turn, to make us believe that there is only one understanding
of production and capital accumulation. This was a critique
put forth by feminism as well, which claimed other forms
of labour to be relevant in the industrial age, as well
as nowadays. Would you say that the term immaterial labour
is epistemologically rooted in the industrial concept of
labour, of controlling bodies, optimizing time and production
flows, organizing efficiency, and pushing everything towards
commodification? And how, if so, can we free this term
from that classical concept and develop a term that reflects
non-work, care-work, the production of the social, etc.,
not only out of a perspective of capitalist accumulation?
This is a key question for the Multitudes
group. The answer might consider the term "immaterial labour" and
the arguments behind it as a kind of transitional moment.
Those arguments were first elaborated from an observation
of the "refusal of work" in the wake of the big
strikes at Fiat and so forth; but also from the realization
that the bosses had deliberately changed the very conditions
of labour, to make traditional strike techniques ineffective.
Work was increasingly automated, factories became smaller
with electronic co-ordination between distant production
sites, the remaining workers were implicated ever more
deeply by giving them higher levels of training and responsibility.
But many people had left the factories quite voluntarily,
in advance of the bosses' strategies, setting themselves
up within the smaller, self-organized production chains
of the new "industrial districts" of Northern
Italy.
The great strikes and the innovative pioneers of
the new labour patterns could be seen as the driving forces
of
a change overtaking the entire industrial system. A fresh
reading of the Grundrisse of Marx – and particularly
of the so-called "fragment on machines," which
points toward the potential for labour itself to become
obsolete through technological progress, freeing up time
for the cultural and intellectual development of workers,
and in the same blow, dissolving the possibility of exploitation
on which capital accumulation is founded – became
a way to chart a future for the class beyond the wage-bargaining
which had become the major function of unions, and indeed,
beyond the condition of salaried labour itself. This is
Toni Negri's analysis in Marx Beyond Marx. But from that
point forth, two still-unresolved challenges open up for
the relation between theory and practice. One is finding
new epistemological grounds for describing co-operative
production. You can look for clues in Maurizio Lazzarato's
recent book Puissances de l'invention (Powers of Invention),
which develops an understanding of production on the basis
of what the late-nineteenth-century sociologist Gabriel
Tarde called invention and imitation – or what Deleuze
called difference and repetition. The idea is to show that
production has always been based, not on the directive
capacity of capital, but on the human faculty of innovation – something
like what Marx called the "general intellect" – which
is at the origin both of the forms of products, and of
the very machines which produce them. But Lazzarato is
also willing to consider the invention and imitation of
all kinds of affective and imaginary production – forms
of care-giving, social forms, artistic forms – and
he understands "machines" in the Deleuzo-Guattarian
way, as social assemblages.
Feminist and culturalist perspectives,
which re-examine our very motives for production, could
add a lot to what
is still an overly economic and semiotic discourse. We
need new and persuasive explanations for what is worth
doing together in society, and why certain activities should
be granted the resources for further development, without
always invoking the current excuse: "Because they
make money".
But at this point another major problem
must be confronted, which is that the technical conditions
which provided a
justification for the existence and exploitation of salaried
labour in the Fordist period have changed entirely – without
any change in basic social relations. Paolo Virno says
that three functions which have traditionally been separated
in the self-understanding of the Western societies, from
Aristotle to Hannah Arendt, are now impossible to distinguish.
These three functions are labour, conceived as the suffering
expenditure of body energy; intellectual activity, which
is silent and solitary; and political action, which takes
place through speech in public. With our intellectual and
communicational forms of labour in the capitalist economy,
Virno says we live in a condition of infinite publicity
without a public sphere. And the impossibility to make
public meaning out of our virtuoso performances – that
is, the impossibility to make concrete changes in society – is
a humiliation of that which is at once the highest and
most common of our capacities, namely the capacity of speech
itself. This humiliation is a political affect, which calls
for a response. I think that cultural producers, today,
are humiliated by the conditions under which we work, by
what you might call the institutional market. Can we respond
to that? Can we use a more-or-less natural resistance to
the contemporary forms of exploitation as a starting-point
in the attempt to make a world out of our new understandings
of what might be worth doing together in society? The question
would probably have seemed exaggerated just a few years
ago. Almost no one would have asked it. I find that life
gets a little more interesting as the spaces of this question
gradually open up today.
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